Wer jeden Abend dreimal nacheinander im Fernsehen mitanschaun muss, wie der Lieutenant und der Searge mit gezogenem Revolver durch die Fensterscheibe springen, oder ihren Cadillac mit Blaulicht bei Höchstgeschwindigkeit zwischen Konvois von umgestürzten brennenden Benzinlastern durchnavigieren, der wird mit der Zeit abgestumpft gegen all das Schrille und Kracherte, und dem steht der Sinn nach etwas, was zwar mindestens genauso extrem ist, aber doch eben ein klein weinig ruhiger.

Nachdem sie Jahre lang jede mediale Umweltverschmutzung über sich haben ergehen lassen, scheinen sogar die Schweden dies so zu empfinden, oder zumindest gehen die Fernsehproduzenten davon aus. Und wo ist es noch so richtig ruhig, und doch gleichzeitig angenehm gruselig, was kann man heute noch im Fernsehen bringen, wo die Leute doch schon alles bis zum Überdruss gesehen haben?

Der dernier cri im Schwedischen Fernsehen ist die Gerichtsmedizin. Kein Krimi mehr, in dem nicht das grüne Laken schwungvoll für uns zurückgeschlagen wird. Seit aler-allerneuestem gibt es sogar eine eigene Serie zu diesem Thema. In "Unser kleines Schauhaus" (ich weiss nicht, ob die Serie wirklich so heisst) dürfen wir die fesche Pathologin an ihrem Arbeitsplatz überall hin begleiten. Natürlich immer mit einem Sandwich in der Hand. In Gesellschaft schmeckt es eben doch am besten. Und sicher würden die Stummen gerne ihre Anerkennung für den hübschen Minirock unter dem weissen Kittel aussprechen, wenn sie doch nur könnten. Nebenbei erfahren wir noch allerlei Wissenswertes über Blutgerinnsel, Fliegenlarven und Mageninhalt. Alles in Allem erinnert mich das ganze an das ultracoole Geschwätz von Medizinstudenten im zweiten Semester, die in der Mensa für alle deutlich vernehmlich davon schwadronierebn müssen, was sie im Sezierkurs schon alles erlebt haben. Vom pädagogischen Standpunkt her wäre es natürlich relativ begrüßenswert, wenn die gelangweilte Jugend der Stockholmer Vorstädte, anstatt anderen Leuten Messer in den Leib zu rennen, dazu animiert würde, die Aussegnungshallen zu plündern, ein Problem, um dass ich mir - ungerufen - so schnell noch keine Gedanken machen müsste. Ich bin allerdings überzeugt, dass diese Welle in Schweden schon ziemlich bald wieder abklingen wird. Vielleicht kommen dann doch irgendwann die Frauenmörder wieder, die fand ich wesentlich amüsanter.

Weil ich verständlicherweise nach soviel Morbidität nicht gleich ins Bett gehen wollte, schaute ich mir noch den einzigen Film an, der danach noch lief, das Peinlichste auf der Welt, aber das war mir in dem Moment wurscht. Irgendwas mit Plato oder Pluto in Vietnam, eine unglaubliche Verherrlichung des Vietnamkriegs, aber egal. Eine Rockband spielt in Saigon für die dort stationierten GIs auf, dazu mit dem Popo wackelnde GoGo Girls, eine Art Fronttheater, und sie alle sind vom Vietnamkrieg so begeistert, dass sie auch ein Gewehr haben wollen - so ein Glück, der Määtscha hat noch ein paar übrig - und auf dem nächsten Bild sieht man sie dann im baluen und roten Glitzerkostüm zwischen den grünen Uniform durch den Dschungel streifen.

Das genügte jedenfalls, um mich die Schauhäuser vergessen zu lassen, und deshalb jetzt zu etwas lustigerem:

Eine kleine Dickmadam
fuhr einst mit der Tunnelbahn
setzte sich ins grüne Gras
macht das ganze Höschen nass

genau so geschehen zu T-Centralen, Stockholm, den 22. Mai 2000 um 0.42 Uhr.

... oder zumindest fast genauso. Um korrekt zu sein, sollte ich vielleicht erwähnen, dass es sich nicht um grünes Gras handelte, sondern um die braun-graue Terazzo-Imitation.

Das ganze kam nämlich so: Ich nehme den letzten Pendeltåg in die City, der um 0.41 an der Haltestelle T-Centralen ankommt. Wenn man von dort durch den unterirdischen Verbindungsgang zur Tunnelbana rennt, dann schafft man, wenn man Glük hat, noch die vorletzte Tunnelbana in Richtung Odenplan um 0.45. Wenn man sie nicht schafft, ist das nicht weiter schlimm, aber ein bischen lästig, denn es gibt noch eine spätere, die geht um 0.55, aber erstens kommt die fast immer zu spät, und zweitens hocken da wirklich ekelhafte Gestalten drin. Es ist also ratsam, sich etwas zu beeilen. Gestern, oder besser gesagt heute früh, lief nun ein Angestellter der Bahnhofsreinigung herum, in der Hand eine Art Metallrohr, das mit einem langen Wasserschlauch verbunden war, der aus dem Irgendwo kam, und aus dem ein harter Wasserstrahl auf den Fußboden brannte. Der Gang zwischen Pendeltåg und Tunnelbana ist nicht ganz eben, sondern etwa in der Mitte am tiefsten, und dort stand dieser Bahnbeamte mit seinem Wasserstrahl, in kniehohen Gummistiefeln übrigens, und setzte alles unter Wasser. An der tiefsten Stelle wahrscheinlich Knöcheltief. Was der Teufel, was den Kerl geritten hat, es war zwar zugegebener Maßen spät, aber es war immerhin noch nicht Betriebsschluß

In so einer Situation ist man vor eine schwere Alternative gestellt.

Man kann sich auf Zehenspitzen durch die Brühe arbeiten, und dann natürlich die U-Bahn versäumen.

Oder soll man etwas riskieren? Wenigstens einmal in seinem Leben?

Ja, man soll! Unbedingt! Und sei es nur, damit andere was zum Lachen haben.

Das oder so etwas Ähnliches müssen die beiden Mädels gedacht haben, die sich in die rauschenden Fluten gestürzt haben. Was sie dabei natürlich vergessen haben, ist, dass wenn frisch gewässert, der Dreck nicht mehr den gewohnten Reibungswiderstand bietet, und schon machte es "Platsch!". Und gleich noch mal "Platsch!".

Zum Glück waren die beiden noch jung und ausserdem gut gepolstert, so dass die Umstehenden auch ein bischen was abbekamen. Ihre Tunnelbana haben sie trotzdem nicht gekriegt. Aber was macht das schon. Laut Andy Warhol hat jeder Mensch das Recht darauf, einmal in seinem Leben für fünfzehn Minuten berühmt zu sein.